Mo
14
Mai
2012
Taxifahrer Kurt muss mindestens 500 Meter Abstand von Maria Voglar halten und hat dafür ein paar Zeilen für die Ewigkeit bekommen – aber der Reihe nach.
Ich war bass erstaunt, als Kurt mich anrief, denn sonst treffen wir uns immer nur zufällig. Dass er diesmal initiativ wurde, hatte jedoch einen guten Grund:
Ein Freund von ihm hatte einen Schlaganfall erlitten. Zwar war ihm nichts weiter passiert, doch Kurt – ebenfalls Ende dreißig und kein Verfechter einer gesunden Lebensweise – packte erstmals die nackte Angst vor einem so nicht eingeplanten Ableben. Und wie das bei ihm immer ist, stolperte er auch diesmal über einen Spruch, der ihn auf eine Idee brachte, die ihn in Teufels Küche führen würde: „Wer schreibt, der bleibt.“
„Du, Herr Schriftsteller“, meinte er am Telefon, „ich weiß eh, dass ich sterben werd, aber zumindest schreiben kann ich was, damit ich unsterblich bleib. Wie schreibt man denn einen Krimi?“
Ich erzählte ihm von Figurenentwicklung, Schauplatzentwurf, Handlungskonstruktion und vielem mehr, wurde aber dann durch sein Gähnen aus meiner Begeisterung geschleudert.
„Ich hab einen von deinen Kneipen-Krimis durchgeblättert“, machte er es kurz. „Da drin gibt’s ja eh nur Mord, Aufklärung und eine Liebesgeschichte.“ Mein Atemstocken missverstand Kurt als Aufforderung weiterzusprechen: „Ist soweit kein Problem: Schreiben hab ich eh in der Schule gelernt und die Handlung ergibt sich aus den Rescherschen. Das wird der beste Krimi seit Hubert Pogatschnigs Tod!“ So euphorisiert legte er auf, mich Maulaffen feilhaltend zurücklassend.
Danach geschah Folgendes:
Nach einigen Überlegungen machte sich Kurt klar, dass er, was Morde anlangte, ohnehin ein Experte war: Er hatte sicherlich schon mehr Morde im Fernsehen gesehen, als Stunden in seinem Taxi zugebracht, was bedeutete, dass er sich bei Morden besser auskannte als beim Taxifahren.
In punkto Aufklärungsarbeit wollte er von den Spezialisten lernen, weshalb er mit seinem Taxi ein Polizeiauto verfolgte. Er hegte dabei die Hoffnung, dieses würde zu einem Verbrechen gerufen, bei dem Kurt die Polizisten dann beim Amtshandeln beobachten könnte. Das konnte er dann auch – und zwar aus erster Hand, denn er selbst war es, gegen den geamtshandelt wurde: Die beiden Polizeibeamten hatten schnell bemerkt, dass sie verfolgt wurden, vor allem, da Kurt in den Ampelrotphasen seine Beobachtungen auf einem Notizblock am Lenkrad protokolliert hatte.
Die Vernehmung war schnell vorbei: Hielten ihn die Polizisten zunächst für einen Kriminellen, der ihre Patrouillengewohnheiten observierte, zeigte ihnen Kurts Konter, einem Schriftsteller dürfe das Beobachten nicht verboten werden und „wer schreibt, der bleibt“, was für einen Typ Mensch sie vor sich hatten. Nach Aufnahme seiner Personalien ließen sie ihn ziehen.
Zu einem vollständigen Krimi fehlte Kurt nun noch eine Liebesgeschichte. Dazu beschattete er zwei liebende Teenager, die händchenhaltend durch die frühlingswarme Innenstadt schlenderten. Kurt tarnte seine Verfolgung durch vorgetäuschtes Interesse an Schaufenstern, setzte sich bei einem Cafébesuch der beiden an einen nahen Tisch oder tat so, als würde er stehend die Sonne genießen, wenn sich sonst keine optische Ausrede bot.
So brachte er in Erfahrung, dass das Mädchen in seinem Elternhaus am Viktringer Ring wohnte und „Voglar“ hieß. Im Vorgarten des Hauses befanden sich einige Büsche, die Kurt Sichtschutz gewährten. Von hier aus beobachtete er von nun an das Mädchen, wann immer seine Arbeitszeit es ihm erlaubte. Nach etwa einer Woche wusste er, wann der Freund die Tochter des Hauses besuchen würde und erwartete dessen Ankunft in seinem Versteck. Sie hieß Maria, er Markus, soviel hatte Kurt mittlerweile ausspionieren können. Nicht ausspioniert hatte er jedoch den Hintereingang des Hauses, durch den nun Marias Vater in den Garten kam und Kurt hinter einem Busch hockend und fieberhaft in einem Notizblock kritzelnd entdeckte.
„Was tun Sie in meinem Garten?“, herrschte Herr Voglar ihn an.
Kurt lief erschrocken davon, prallte an der Gartentür aber mit Markus zusammen, der hier gerade hereinkam. Während Voglar Kurt mit eisernem Griff festhielt, überflog Markus Kurts Notizen, wobei sein Gesicht röter und röter wurde. Schließlich konnte er nicht mehr anders, als seine Gefühle an Kurt taktil zum Ausdruck zu bringen.
Von dem Tumult alarmiert, erschienen nun auch Mutter und Tochter Voglar im Vorgarten, die beide Kurt erkannten:
„Der läuft mir seit Tagen immer wieder über den Weg“, berichtete Maria und Frau Voglar setzte drauf:
„Und ich sehe ihn immer vor unserem Haus herumhängen!“
„Ich bin Schriftsteller“, versuchte Kurt, sich zwischen Markus’ Schlägen zu erklären, „und Ihre Tochter inspiriert mich. Wer schreibt, der bleibt!“
„… aber nicht in meinem Garten“, konterte Herr Voglar und tippte die Nummer des Polizeinotrufs in sein Handy.
Am Tag danach sah der Untersuchungsrichter Kurt mit einem ganz eigenen Blick an. Er hatte sich die Schilderungen von Familie Voglar und Markus angehört sowie den Bericht der zwei Polizisten, denen Kurt gefolgt war. Damit konfrontiert hatte Kurt auf sein schriftstellerisches Recht zum „Rescherschieren“ gepocht, da es hier um höhere Interessen ginge. Denn dass Geschriebenes bis in alle Ewigkeit bestehen bliebe, wisse jeder, der den Spruch kennt: „Wer schreibt, der bleibt.“
Der U-Richter verfügte, dass Kurt für die Observierung der Polizeistreife mit einer Ermahnung wegen groben Unfugs davonkommen sollte, allerdings musste er von nun an mindestens 500 Meter Abstand von Maria Voglar halten. Damit er sich all das auch gut merkte, verhängte der U-Richter noch zusätzlich eine saftige Geldstrafe über ihn und indem er sein Urteil unterzeichnete, sagte er zu Kurt:
„Sie wollen etwas für die Ewigkeit? Bittesehr! Denn das, was ich unterschreib’“ – und dabei klatschte er einen Stempel auf das Papier – „das bleibt!“
Auch wenn nichts aus dem "besten Krimi seit Pogatschnigs Tod" wurde: Kurt hat wieder einmal Recht behalten!
Di
10
Apr
2012
Die Fastenzeit begann in diesem Jahr erst am Dienstag nach Ostern. Zumindest für Kurt. Dabei hätte er sich eine Menge ersparen können, wäre er zum Arzt gegangen.
„Weißt du, Herr Schriftsteller“, hatte er mir schon Ende Jänner verraten, „ich weiß eh, dass ich zu fett bin und zu viel Bier trinke und so weiter. Aber ich trau mich nicht zum Arzt gehen.“
Nach seiner Untersuchung im Vorjahr hatte sich Kurt nämlich nicht an die ärztlichen Empfehlungen gehalten, dann seine Neujahrsvorsätze gebrochen und wollte nun gar nicht wissen, mit welcher Wucht seine Cholesterin- und Leberwerte die Decke sprengten, denn dass sie sie sprengten stand außer Zweifel.
Und da war noch etwas. Bei besagter Untersuchung hatte Kurts Arzt ihm folgenden motivierenden Spruch mitgegeben: „Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper.“
Wie wir wissen, ist Kurt sehr anfällig für alle möglichen und unmöglichen Lebensweisheiten, weshalb ihm dieser Satz auch nicht mehr aus dem Kopf ging. Die Warnung, die er zu enthalten schien, verstärkte sich gegen Ostern hin unverhältnismäßig, ebenso wie Kurts schlechtes Gewissen.
Dazu muss ich erklären, dass Ostern bei uns in Kärnten ausgesprochen opulent gefeiert wird. Neben den Brauchtumsaktivitäten wickeln wir Verwandtenbesuche ab und essen drei Tage lang nichts anderes als die weithin berühmte Osterjause. Es ist eine Orgie aus Eiweiß, Fett und durchaus auch Alkohol, auf die wir uns schon die ganze Fastenzeit über freuen und für die wir gerne vorübergehend unser Wohlbefinden opfern.
So war es auch kein Wunder, dass Kurt sich so richtig schlecht fühlte, als er am Abend des Ostermontags an einer Wirtshaustheke in der Klagenfurter Innenstadt stand: Er fürchtete um seinen gesunden Geist.
Am vergangenen Samstag hatte er bei seinen Eltern gevöllert. Wie immer hatte seine Mutter darauf geachtet, dass sowohl Osterschinken als auch Rindszunge und Würste besonders fett und gut geselcht waren; sein Vater trug wie immer Sorge, dass Kurt ausreichend Meerrettich dazu aß und genug Schnaps trank, um dieses Fett auch gut zu verdauen. Die Belastung für seinen Geist war also enorm gewesen, ging er von der Belastung seines Körpers aus.
Am Sonntag war Kurt dann zur Mittagsjause bei seiner Schwester eingeladen, die darauf bestand, dass viel gegessen wurde. Vor allem ihr Reindling – eine Art Napfkuchen mit Rosinen – war fast doppelt so groß wie noch im Jahr davor und die darauffolgenden Eier, die Kurt mit seinen Nichten und Neffen mampfen musste, schwemmte er mit dem Birnenmost seines Schwagers hinunter, welcher ihm Stunden später fürchterliche Bauchkrämpfe bescherte – dafür aber half, seinen Darm rasch zu entleeren.
Das setzte Kurts Geist ein weiteres Mal enorm unter Stress! Abends trank er deshalb noch drei, vier, sieben, zwölf Bier, um sich wieder ins Lot zu bringen; eine zusätzliche Belastung seines Geistes über den Umweg seines Körpers.
Heute, Montag, hatte er die übriggebliebene Osterjause vertilgen müssen, die ihm Eltern und Schwester mitgegeben hatten, weil sie mittlerweile kein Selchfleisch und keine Eier mehr riechen konnten!
Nun an der Bar trank Kurt das – wie er sich vorgenommen hatte – letzte Bier vor seiner nächsten Untersuchung, welcher er sich nun doch stellen wollte. Sein schlechtes Gewissen war übermächtig. Was, wenn es schon zu spät war? Was, wenn er seinen Körper schon so weit belastet hatte, dass sein Geist nachhaltig Schaden genommen hatte? Wenn ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnte, war es dann nicht im Umkehrschluss logisch, dass ein kranker Körper von einem kranken Geist bewohnt wurde?
Als er sich selbst hoch und heilig Besserung gelobte, war er gleich ein wenig erleichtert. Vielleicht war er dem Wahnsinn ja wirklich noch einmal entronnen. Kurt beschloss, seinen feierlichen Eid mit einem letzten – diesmal aber wirklich allerletzten! – Bier zu besiegeln und kippte den Rest seines aktuellen Glases in seine Kehle. Indem er dieses absetzte, schweifte sein Blick nach links und er erlebte einen solchen Schock, dass er mit einem Mal kerzengerade und um 90 Grad nach links gedreht da stand. Direkt vor ihm lehnte – menschengroß, rosarot und flauschig – ein Hase am Tresen und glotzte ihn an. Nicht genug damit, hob dieser nun auch noch ein Schnapsglas, deutete ein „Prosit“ an und kippte es ex.
Kurt schnappte nach Luft, schluckte dadurch das Bier in seine Luftröhre und wurde von einem lebensbedrohenden Hustenanfall in die Knie gezwungen. Als sich der Riesenhase mit seinen Riesenaugen und ausgebreiteten Riesenpfoten auf ihn herabbeugte, schwanden Kurt die Sinne.
Im Rettungswagen, der ihn ins Klinikum Klagenfurt brachte, kam Kurt schreiend zu sich:
„Ich bin deppert geworden! Der Osterhase holt mich! Helfts mir!“
Die Sanitäter schnallten ihn fester auf die Trage und sedierten ihn.
Erst als er am darauffolgenden Tag in einem Krankenzimmer erwachte, war Kurt wieder soweit bei Verstand, dass er vernünftig mit sich reden ließ.
„Der Hase war nicht echt“, klärte ihn die Stationsschwester auf, die die Hintergründe kannte, „sondern nur ein Herr in Verkleidung, der auf dem Nachhauseweg von einer Osterparty für Kinder in dem Lokal zukehrte. Dieser Herr hat Ihnen außerdem erste Hilfe geleistet.“
„Mein Geist ist also nicht krank?“, stammelte Kurt hoffnungsfroh und die Stationsschwester antwortete lachend:
„Aber nein! Es sei denn, der Bluttest sagt etwas anderes; da sind die Ergebnisse noch ausständig.“ Und in einem Nachsatz ergänzte sie: „Da erfahren wir dann auch, welche Drogen Sie im Blut haben.“
Wie gesagt, die Fastenzeit begann für Kurt in diesem Jahr am Dienstag nach Ostern.
So
18
Mär
2012
Kurt ist wieder auf freiem Fuß, was bedeutet, dass er seinen Rausch ausgeschlafen hat. Allerdings werden ihm zwei Dinge noch länger nachhängen, als sein Kater: die Gerichtsverhandlung wegen Körperverletzung und das Lokalverbot in einer heruntergekommene Fußball-Spelunke in Klagenfurt-Waidmannsdorf. Denn dort hat er Franz verprügelt.
Das ist durchaus ungewöhnlich, denn normalerweise ist Kurt der leidende Teil, wenn er in körperliche Auseinandersetzungen gerät. Doch diesmal trägt er ja nur ein Viertel der Schuld an der Eskalation; je ein weiteres Viertel tragen eine Überdosis Bier und ein Versicherungsvertreter namens Mario.
Begonnen hat alles wie üblich mit einem Spruch: „quod licet iovi non licet bovi – Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen noch lange nicht erlaubt.“
Damit fällt das letzte Viertel Schuld mir zu, denn ich war es, der diesen Spruch in einem unbedachten Moment Kurt gegenüber fallen ließ. Ich wollte damit verbildlichen, dass die EU dem nun verarmten Griechenland jahrelang Regelverstöße hatte durchgehen lassen, während sie anderen Mitgliedern pingelig auf die Finger geschaut hatte.
Doch Kurt entging nicht nur meine darin verpackte bittere Ironie, der Spruch grub sich auch noch auf jene unheilvolle Weise in sein Gedächtnis ein, die ihn immer an den Abgrund führt. So auch diesmal.
Die Sache eskalierte in dieser Spelunke nahe dem Wörthersee Stadion, in der sich die Fans des lokalen Amateur-Fußballvereins nach einem Trainingsspiel einfanden; unter ihnen auch Kurt. Dieser war schon gut abgefüllt und prahlte lautstark mit dem Spruch, den er von „meinem Freund, dem Schriftsteller“ gehört hatte. Da wandte sich ihm ein junger Kerl in Anzug und Krawatte zu, der neben ihm am Tresen stand. Er stellte sich als Mario vor, von Beruf Versicherungsvertreter.
„Das Problem mit den Griechen und der EU hat ganz andere Ursachen“, belehrte er Kurt.
Mario gehörte zu jener Sorte Menschen, die nach ihrem Grundschulabschluss aus beruflichen Schulungen und Zeitungsberichten zu wissen glauben, wie unsere Welt funktioniert. Mit diesem Wissen versuchen sie dann jeden nur möglichen Thekensteher zu beeindrucken, wohl in der Annahme, das Paradies würde ausbrechen sobald ausreichend viele Biertrinker mit ihren Erkenntnissen beglückt wären.
Kurt war hierbei ein harter Brocken, denn sein typenbedingt ohnehin begrenztes Denktempo war durch das Bier dieses Abends noch zusätzlich herabgedrosselt. Mario versuchte es also mit einem Beispiel:
„Stell dir vor, die EU wäre ein Verein. In diesem Verein gibt es Mitglieder, die mehr geben als sie bekommen und Mitglieder, die mehr bekommen, als sie geben.“
„Verstehe ich nicht“, lallte Kurt mit schwerem Blinzeln.
„Zum Beispiel ein Fußball-Club“, wurde Mario konkret. „Der Stürmer gibt mehr als er bekommt, der Torwart bekommt mehr, als er gibt.“
Kurts Gesicht hellte sich auf, als er erkannte:
„Der Franz, also.“
„Häh?“
„Du hast gesagt, der Torwart“, erklärt Kurt, „das ist in unserem Club der Franz.“
„Meinetwegen“, gab sich Mario ungeduldig und fuhr fort: „Das Fußballspiel ist wie der Alltag in der EU: Es funktioniert nur, wenn sich alle Spieler an die Regeln halten.“
Kurt blinzelte wieder schwer und versuchte zu verstehen:
„Das heißt, wenn der Franz …“
„… wenn sich der Torwart nicht an die Regeln hält, verliert die Mannschaft das Spiel.“
„Ja – weil der Franz die Kugel durchlässt.“
„Genau!“ Mario triumphierte. „Und das ist auch das Problem mit der EU: In jeder Fußballmannschaft wird der Torwart ausgewechselt, wenn er nicht spurt, in der EU wird er finanziell noch mehr unterstützt.“
Kurts Augen begannen vor Zorn zu funkeln und er nahm einen Riesenschluck Bier. Dann knallte er das Bierglas auf den Tresen und brüllte außer sich:
„Das heißt, der Franz bekommt Geld dafür, dass er den Ball durchlässt?!“
„Genau“, bestätigte Mario, sich endlich verstanden fühlend, „und zwar für jeden weiteren Ball, den er durchlässt, noch mehr Geld.“
Das Schicksal wollte es, dass Torwart Franz akkurat in diesem Moment den Raum betrat. Als Kurt ihn sah, ballten sich seine Fäuste, straffte sich sein ansonsten pummeliger Körper und sein nasaler Bariton verkündete die heraufdräuende Gewalt, indem er schrie:
„Franz, du Schwein!“
Was danach kam, verstand in der Spelunke niemand wirklich. Doch handelte Kurt mit Recht: Was den Griechen erlaubt ist, ist dem Franzi längst noch nicht erlaubt!
Mi
22
Feb
2012
Kurt hatte eine Freundin. Dann kam Aschermittwoch. Jetzt teilt er sein Nachtlager mit den Obdachlosen am Klagenfurter Hauptbahnhof.
Als ich ihn in der Bahnhofshalle herumlungern sah, ging ich davon aus, er würde mit dem Taxi auf Kundschaft warten und – ermüdet vom Füßevertreten – nur eben einmal abrasten. Aber weit gefehlt.
„Heda, Herr Schriftsteller“, begrüßte er mich öffentlich hörbar und augenscheinlich froh, ein ihm bekanntes Gesicht zu sehen und schüttete mir gleich unaufgefordert sein Herz aus:
Kurt hatte seine Freundin Jacqueline vor ziemlich genau einem Jahr bei einem Maskenball kennengelernt. Sie war als Prinzessin verkleidet und er als King Kong. Schön, schlank, schlau, das war Jacqueline alles nicht – aber auch Kurt ist ja kein Sahnestück und als sie am Morgen danach gemeinsam aufwachten und einander auch demaskiert und nüchtern nicht abstoßend genug fanden, um nicht zusammen zu ziehen, teilten sie sich fortan Küche, Bett und Lebenserhaltungskosten.
„Und jetzt hat sie mich vor die Tür gesetzt“, endigte Kurt im Jammerton.
„Ja, aber warum denn?“, fragte ich – aus Höflichkeit, denn eigentlich wusste ich ja schon, dass es wieder eine seiner dummen Behauptungen gewesen war, die ihn in diese Bredouille gebracht hatte!
Und Bingo: Kurt machte kugelrunde Augen und antwortete, als zitiere er ein Lebensgesetz:
„Flüssiges bricht Fasten nicht!“
Um die Sache abzukürzen: Wenige Tage davor hatte Kurt mit seinem Taxi einen Historiker chauffiert, der ihn aus Anlass der bevorstehenden Fastenzeit erzählt hatte, die Mönche im Mittelalter seien vor Ostern einer strengen Fastenordnung unterworfen gewesen. Um die fehlenden Kalorien auszugleichen, brauten sie ein besonders starkes Bier ein. Das war kein Widerspruch, denn ein alter kirchlicher Grundsatz legte fest: „Flüssiges bricht Fasten nicht“ – ohne Einschränkung der Art der Flüssigkeit.
Da die Fahrt vom Flughafen zum Landesmuseum dank des Berufsverkehrs seine Zeit dauerte, erzählte der Historiker noch eine ganze Menge anderer interessanter Anekdoten aus der jahrtausendealten Geschichte des Bieres.
Nun ist Kurt von Haus aus kein – sagen wir einmal – intellektuell zentriertes Individuum, doch diese Erzählungen saugte er auf wie ein Schwamm!
„Weißt du, Herr Schriftsteller“, erklärte er mir, „das war ein Wink des Schicksals, weil meine Jacqueline wollte mich echt auf Diät setzen, wenn die Fastenzeit anfängt, weil ich zu fett bin, sagt sie. Sie selbst wollte auch mitmachen und da wollte ich ihr natürlich unnötige Qualen ersparen. Deshalb hab ich ihr gleich am selben Abend noch die kirchlichen Fastenregeln erklärt.“
„Lass mich raten“, fiel ich ihm ins Wort, „das mit dem Bier hat ihr gar nicht gefallen, stimmt’s?“
„Ganz genau“, nickte Kurt und spielte mir jene schicksalhafte Szene live in der Bahnhofshalle vor:
„Sie: ‚Das täte dir so passen: Nix essen, nur noch saufen!’
Ich: ‚Das Bisserl, das ich ess’ kann ich auch trinken!’
Sie: ‚Das hast du dir fein ausgedacht!’
Ich: ‚Nein, nein! Alles historisch belegt! ‚Flüssiges bricht Fasten nicht’!’
Sie: ‚Das kannst du deiner Großmutter erzählen!’
Ich (leicht ärgerlich): ‚Ihr Frauen habt Null Ahnung vom Bier und vom Historischen! Deshalb haben sie schon im alten Babylon die Frauen ertränkt, wenn sie schlechtes Bier gebraut haben! Und im Mittelalter, da haben sie sie verbrannt, wenn was mit dem Bier nicht gestimmt hat! Als Bierhexen! Da schaust, gell? Hat mir alles der Herr Historiker erzählt. Und rat’, warum seit damals die Mönche das Bier brauen und nicht mehr die Frauen? Weil Ihr Frauen das einfach nicht kapiert, das mit dem Bier und mit dem Historischen! Und seitdem schmeckt das Bier endlich nach was!’
– Was schaust denn so komisch, Herr Schriftsteller?“
Kurt hatte bemerkt, was mir selbst nicht aufgefallen war: Meine Gesichtszüge hatte sich – in angstvoller Erwartung dessen, was gleich kommen würde – verzerrt.
„Gar nicht gut, so etwas zu einer Frau zu sagen“, meinte ich.
„Ja, aber wenn’s doch stimmt!“, begehrte Kurt auf.
„Und was hat’s dir eingebracht?“, fragte ich und zeigte mit einer ausladenden Armbewegung auf das Umfeld, in dem Kurt nun wohnte.
„Sie redet nicht mehr mit mir“, wechselte er ins Kleinlaute, „hat die Türschlösser ausgewechselt, stellt sich taub, wenn ich anläute, geht nicht ans Telefon, wenn ich anrufe.“
„Lass ihr etwas Zeit“, riet ich ihm. „In einer Woche oder so stellst du dich mit einem Strauß Blumen auf die Türmatte und entschuldigst dich unterwürfig.“
„Ja, verstehst du denn nicht?“ fuhr Kurt auf, „sie hat mich ausgesperrt!“
„Na und?“, erwiderte ich ähnlich heftig, „dann schlüpf vorübergehend bei einem Freund unter und leih dir von ihm ein paar Klamotten!“
Kurt starrte mich an, wie ein rinderwahnerkrankter Stier ein knallrotes Gänseblümchen und rief:
„Hallo?! Die Wohnung gehört mir!“
Die Moral von der Geschicht’: Frauen, das Fasten und das Bier sind eine explosive Mischung. Und das wussten sie auch schon im alten Babylon.
Mi
25
Jan
2012
Als ich neulich am Morgen die Zeitung aufschlug, sprang mir eine Schlagzeile ins Auge: „Schwere Tumulte bei Polit-Kundgebung“, der Übertitel: „Verteiler von Hetzschrift krankenhausreif geprügelt“.
Da war mir klar, dass Kurt in nächster Zeit unausstehlich sein würde!
Hier in Klagenfurt sind politische Kundgebungen selten und so klein, dass sich die Passanten fragen, bei welchem Geschäft diese Leute da anstehen. Die Schlagzeile war also eine Sensation und was Kurt mit ihr zu tun hatte, kam so:
Kurt ist Taxifahrer, ich kenne ihn seit Jahren gut genug, dass wir uns grüßen und ein paar Worte wechseln, wenn wir uns über den Weg laufen.
Kurt hat eine Eigenart, die immer originell beginnt und lästig endet: Er stellt eine banale Behauptung auf, erfindet allerlei verrückte Argumente dafür und will, dass auch die wirkliche Welt sie glaubt. Tut sie aber nicht, weshalb Kurt seine Überzeugungsarbeit bis zur Penetranz steigert. Die Lage muss immer erst eskalieren, ehe er zur Vernunft kommt, danach dauert es fünf, sechs Monate, bis er die nächste dämliche Behauptung aufstellt.
Ich schätze, sein Beruf füllt ihn nicht ganz aus.
Doch diesmal ging er zu weit. In seiner Behauptung: „Wer schreibt, verändert die Zustände“, fand Kurt den Schlüssel zur Macht: Schreiben hatte er ja in der Schule gelernt und die Zustände flehten ohnehin nach Veränderung. Er, das Schreiben und Klagenfurt – das war der richtige Mann mit der richtigen Fähigkeit am richtigen Ort!
Nachdem er damit tagelang allen auf den Sack gegangen war, begann Kurt, die Zustände verändern zu wollen. Leider druckte keine Zeitung seine inhaltswirren Leserbriefe ab und die Antworten auf seine Facebook-Postings waren endenwollend und – höflich ausgedrückt – sympathieneutral.
Dann gefiel es dem Schicksal, mich auf der Straße in Kurts Fänge zu treiben.
„Du, Herr Schriftsteller“, rief er begeistert, „was veränderst du alles, mit deiner Macht?“
Ich verstand erst was er meinte, als er mir seine aktuelle Spinnerei aufgetischt hatte.
„Das kannst du nicht eins zu eins auf die Wirklichkeit ummünzen“, versuchte ich ihn einzubremsen, „sonst müssten ja jedes Mal Leute sterben, wenn ich einen Krimi schreibe.“
Kurt starrte mir sekundenlang in die Augen, wobei abwechselnd Furcht und Ehrfurcht sein Gesicht kneteten.
„Aber das tun sie ja“, flüsterte er dann, „jeden Tag! Weil … weil es so viele Krimi-Autoren gibt! Und wer schreibt, verändert die Zustände.“
Da verlor ich dann doch etwas den Gleichmut, immerhin hatte er mich soeben des Serienmordes bezichtigt! Wir gerieten in einen Streit, in dem er mir all das Leid vorwarf, das ich in meiner Naivität mit meinen Krimis angeblich verursachte, ohne es zu bemerken. Ich hingegen nannte ihn einen ignoranten Depp, weil er meinen Standpunkt nicht hören wollte. Im Davongehen wandte er sich mehrmals zu mir um und schrie dabei: „Ich werd’s dir beweisen!“
Das hatte er nun wohl getan: Wie die Zeitung berichtete, hätte im Rahmen einer disziplinierten politischen Kundgebung ein Mann damit begonnen, Flugblätter an die Demonstranten zu verteilen, in denen er deren Überzeugung in Misskredit brachte.
Das abgedruckte Faksimile eines der Flugblätter bewies, dass diese Umschreibung den Preis für die Untertreibung des Jahrhunderts einsacken würde: Kurt beflegelte die Kundgebungsteilnehmer als Schweine, wobei er nicht mit bunten Attributen sparte, befahl ihnen ähnlich ausdrucksvariabel sich zu verziehen und drohte jedem Prügel an, der sich weigerte. Die Meinungsbekundung endete mit einem gesalzenen Epilog, der besagten Schweinen die Schuld an den desaströsen politischen Zuständen in Europa in die Hufe schob.
Während der wütende Mob – so die Zeitung weiter – Kurt in einer spontanen Emotionsäußerung körperlich zurechtwies, floh dieser nachhause und sperrte sich ein. Doch der Mob verschaffte sich mittels Einbruchs durch ein Fenster Zutritt zu Kurts Wohnung, beförderte ihn mittels Ausbruchs durch ein anderes Fenster auf die Straße und gerbte ihm dort enthemmt das Fell, bis die Polizei eintraf. Danach rächte man sich am Inventar von Kurts Wohnung weiter.
Befragt, worauf die Unverhältnismäßigkeit dieser Gewaltanwendung zurückzuführen sei, antworteten die Demonstranten: auf Kurts beharrliche Provokation. Dieser hätte nämlich erst damit aufgehört, immer neue Beschimpfungszettel hervorzuzaubern, als man ihn endlich bewusstlos gemacht hätte.
Ich seufzte und beschloss, Kurt ins Klinikum besuchen zu gehen.
Ich fand ihn in einem Streckverband vor – er sah gar nicht gut aus: Alle ersichtlichen Körperteile waren eingefascht oder geschient, alle nicht verbundenen Gesichtsregionen schimmerten in ineinanderfließenden Pastelltönen. Als jenes Auge, das nicht zu einem Relief aufgeschwollen war, mich erkannte, verzerrten sich seine aufgeplatzten Lippen zu einem triumphierenden Zahnlückengrinsen, das mir allein schon beim Zusehen Schmerzen bereitete.
Er flüsterte mir zu: „Wer schreibt, verändert die Zustände“, dann unterbrach er sich mit einer Lautfolge, die es zur Auslegungssache machte, ob sie Husten oder Lachen wäre und flüsterte schließlich zu Ende: „Ich hab’s dir bewiesen!“
Ich kann nicht umhin, so etwas wie Achtung für Kurt zu empfinden. Ich wäre wohl nicht bereit, soweit zu gehen um eine Theorie zu beweisen!
Selbstverständlich weigere ich mich auch weiterhin anzuerkennen, dass meine Krimis Schuld am Ungemach irgendeines Menschen wären, aber ich glaube Kurts Behauptung: Wer schreibt, verändert die Zustände – und seien es auch nur seine eigenen.