Der Bauer und der Tod

Landfrieden war gestern: Eine junge Frau verschwindet spurlos, ein Autounfall hinterlässt seltsame Spuren, ein Bauer erwacht verkatert mit blutigem Gewand, und ein Wiener fährt im Tal herum – so viel war in Boden noch nie los.

Der Bauer und der Tod

Kärntner Regionalkrimi

Und dann geschah etwas, das Robert noch nie erlebt hatte: Rudi schüttelte ihm die Hand, sah ihm dabei mit aufrichtigem Blick in die Augen und sagte: “Danke für deine Hilfe, Robert.”

Das Buch ist dem paradiesischen kleinen Tal Boden und seinen Bewohnern gewidmet. Hier durfte ich Teile meiner Kindheit verbringen.

LESEPROBE

Als das kleine Tal Boden im Kärntner Krappfeld an diesem Junimorgen erwachte, war es, als beleuchtete Gott zum ersten Mal sein neu erschaffenes Paradies. Der nächtliche Regen hatte den Himmel reingewaschen, vor dessen kristallenem Blau nun die Sonne aufstieg. Ihre Strahlen brachten die Regentropfen auf dem saftigen Grün zum Funkeln, als wären es lauter Edelsteine. Das Krähen der Hähne hallte als einziges Geräusch über die sanft geschwungenen Hügel des kleinen Tals, welches in seiner unschuldigen, reinen Natürlichkeit gleichermaßen selbstverständlich wie zaubervoll anmutete.
   Nackt und hager, wie Gott ihn geschaffen hatte – aber mit seinen eindundvierzig Jahren doch schon etwas verbraucht -, stieg Robert die steile Außentreppe seiner Hütter herab und leerte den Kübel mit seiner nächtlichen Notdurft an die Wurzeln jenes Baumes, den er vor Jahren zum Pinkelbaum erklärt hatte; ein Apfelbaum mit seither sauren Früchten. Dabei gähnte er mit weit aufgerissenem Mund. Schlaftrüben Auges wusch er den Kübel am einzigen Wasserhahn aus, der an der Außenseite der Hütte über einem rostigen Blechfass hing. Das nasskalte Gras unter seinen Sohlen half ihm beim Wachwerden.
   Die gestrige Sonnwendfeier auf der Weise vor dem Wiesenwirt war schön gewesen, wie ein harmonischer Abschluss all der Aufregungen, denen Robert in den vergangenen Tagen ausgesetzt gewesen war. Feri, der Bürgermeister von Kappel am Krappfeld und gleichzeitig Direktor der dortigen Raiffeisenbank, hatte ihm mit Pfändung gedroht, doch das war nun vom Tisch. Robert musste nur noch übermorgen Montag nach Kappel fahren und mit Feri und der Raiffeisenbank den Papierkram erledigen, dann waren seine Hube und sein Land gerettet. Das alles – und bei dem Gedanken kratzte er sich respektvoll am Hintern – verdankte er nur Johanna, der Jungbäuerin vom Waldbauerhof. 
   Robert stellte den Kübel an die Treppe und schmatzte. Jetzt würde er in den Garten gehen und ein paar Radieschen für sein Frühstück ausgraben. 

***  
Der Waldbauer Matthias, Johannas Ehemann, stöhnte. Es vergingen ein paar Minuten, dann stöhnte er wieder, diesmal laut genug, um sich seines Brummkopfs bewusst zu werden. Er wälzte sich zur Seite und erkannte, dass er sich auf der Couch befand, im Wohnzimmer seines Bauernhauses. Die Helligkeit um ihn herum verriet ihm, dass Johanna ihn heute wohl etwas länger schlafen ließ, was sehr rücksichtsvoll von ihr war, wenn er an die vergangene Nacht dachte.

Er lächelte. Bist du gelähmt, er und seine Freunde hatten wieder einmal nichts ausgelassen! Nach der Sonnwendfeier war er mit seinen Kumpels nach Sankt Veit gefahren, in die Disco. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann sie ihn nach Hause gebracht hatten, aber wenn er die Dauer seines Schlafes anhand des gefühlten Umfangs seines Schädels schätzte, konnte das höchstens vier Stunden her sein.

Apropos, wie spät war es überhaupt? Matthias tastete nach seiner Armbanduhr, fand sie auf dem Wohnzimmertisch, warf einen Blick darauf und fuhr hoch: acht Uhr sechsundfünfzig!

Auch wenn er die Kühe wochenends etwas später versorgte, länger als bis acht Uhr hätte Johanna ihn niemals schlafen lassen dürfen.

Er torkelte aus dem Wohnzimmer und rief nach ihr, bekam aber keine Antwort. Ein Blick ins gemeinsame Schlafzimmer zeigte ein gemachtes Ehebett, was aber nichts zu bedeuten hatte, denn Johanna richtete das Bett immer gleich nach dem Aufstehen. Doch auch in der Wohnküche war sie nicht, und es deutete nichts darauf hin, dass sie hier heute schon am Werk gewesen wäre. Zumindest Kaf fee hätte sie aufgestellt, doch auch das war nicht der Fall. Das Haus war menschenleer und still, unheimlich still.

Matthias zog sich an, um im Stall Nachschau zu halten. Zwar gehörten das Ausmisten und Kühemelken zu seinen Aufgaben, doch er hatte die bange Hoffnung, Johanna könnte ihm diese Pflicht heute abgenommen haben, auch wenn er das nicht wirklich glaubte. Als er die Haustür verschlossen und seinen eigenen Schlüssel innen steckend vorfand, spürte Matthias, wie sich ein Knödel in seinem Hals bildete. Er sperrte auf und trat vor die Tür, kehrte jedoch sofort wieder um, als er Johannas schwarzen VW Golf an seinem gewohnten Platz im Hof stehen sah, und suchte das Vorhaus ab. Weder die Handtasche noch die Schuhe, die sie gestern Abend bei der Sonnwendfeier getragen hatte, befanden sich dort, wo sie sie sonst immer abstellte. Johanna musste das Haus noch einmal verlassen haben, bevor er nach Hause gekommen war. Anders war sein von innen in der verschlossenen Tür steckender Schlüssel nicht zu erklären. Und es musste sie jemand abgeholt haben, denn ihr Auto war da. Allerdings hätte Johanna ihm in dem Fall eine Nachricht auf den Esstisch gelegt, was sie jedoch nicht getan hatte. Das bedeutete, Johanna war nach der Sonnwendfeier gar nicht zu Hause angekommen.

Matthias suchte sein Mobiltelefon und wählte ihre Nummer, doch anstelle seiner Frau meldete sich die sterile Stimme der Mobilbox-Ansage. Während er höchst beunruhigt alle Räume des Hauses und der Nebengebäude absuchte, rief er Johannas Eltern an, ihre Freundinnen und schließlich die Nachbarn, doch keiner hatte sie seit gestern Abend gesehen.

 ***
Die alte Pendeluhr schlug den zweiundfünfzigjährigen Teichbauer Hansi aus seinen kindischen, für ihn aber originellen Träumen. Er warf den Kopf hin und her, als könnte dies bewirken, dass die Schallwellen seine Ohren verfehlten, doch da der volltönende Gong weiterhin auf seine Trommelfelle einschlug, drückte er das Gesicht in die Polster und zwei von deren Zipfeln in seine Ohren.

»Scheißuhr«, stöhnte er in die Federn.

Als die Tortur endlich ihr Ende fand, hallte der Gong in Form eines pochenden Schmerzes in Hansis Kopf nach. Er sah auf und erkannte, a) dass er allein in seinem Ehebett lag und b) dass die Uhr zehnmal geschlagen hatte.

Unverständliches Gemurmel von sich gebend, rappelte er sich auf und sammelte ächzend die am Boden verstreut liegenden Teile der Bekleidung auf, die er gestern Abend getragen hatte. Die Unterwäsche zog er an, denn zum Stallgehen taugte sie immer noch, während er die Hose, die Jacke und das Gilet seines Kärntneranzugs auf jenen Sessel warf, auf dem er sein Gewand vor dem Schlafengehen ablegte, wann immer er nüchtern genug dazu war. Dabei polterte etwas zu Boden, das sich bei näherer Betrachtung als Damenschuh entpuppte – ein Pumps aus anthrazitfarbenem Rauleder.

Hansi drehte das Teil in seiner Hand hin und her und wunderte sich. Zum einen, weil er sich nicht daran erinnern konnte, dass seine Frau solche Schuhe besaß, was aber nichts heißen musste, immerhin belegte das Inventarverzeichnis von Sieglindes Schuhkasten nicht einmal ein müdes Bit Speicherplatz in seinem Gehirn. Zum anderen wunderte er sich, weil er nicht wusste, wie der Pumps in seinen Kärntneranzug gekommen war. Die sinnvollste Erklärung schien ihm zu sein, dass der Schuh bereits am Boden gelegen hatte, als Hansi sich vor dem Schlafengehen auszog, und er ihn nun mitsamt dem Kärntneranzug hochgehoben hatte. Als er diesen noch einmal genauer ansah, bemerkte er erst dessen erbarmungswürdigen Zustand: Zwei Giletknöpfe fehlten, außerdem wiesen Hose und Janker an den Knien und Ellbogen große Gras- und Erdflecken auf sowie kleinere an den Schultern.

Hansis Fingernägel raspelten durch die Bartstoppeln an seinem Kinn. Dass er beim Nachhausetorkeln von der Sonnwendfeier einen spektakulären Sturz hingelegt hatte, hätte nach einer plausiblen Erklärung geklungen, wäre da nicht das Blut auf dem Rücken des Jankers und auf der Brust des ansonsten weißen Hemdes gewesen, ziemlich viel Blut sogar. War er in eine Schlägerei geraten? Das sähe ihm gar nicht ähnlich, aber die fehlenden Knöpfe am Gilet und, wie er jetzt sah, auch an seinem Hemd ließen darauf schließen. Dagegen sprach jedoch, dass er beim flüchtigen Abtasten seines Körpers keinerlei Schmerzen verspürte – mit Ausnahme jener inwendig seines Schädels, die jedoch tastunabhängig waren.

Da seine Überlegungen zu keinem Ergebnis führten, seufzte Hansi und warf die Kleidungsstücke wieder auf den Sessel. Er würde Sieglinde sagen, dass sie sie reinigen sollte. Dabei konnte er sie auch gleich fragen, wie ihr Schuh in den Anzug gekommen war. Jetzt aber musste er erst einmal in den Stall gehen.

 

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Die Hauptdarsteller

Robert Liebetegger (41)

ist Single und bewirtschaftet die schwer verschuldete „Keuschenbauer“-Hube. Seine Arbeit als Landmaschinen-Mechaniker verrichtet er nur für seine Nachbarn und am Finanzamt vorbei, ansonsten lebt er von seinen landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Bezirksinspektor Rudi Klinger (48)

von der Polizeidienststelle in Althofen stammt aus Boden und kennt hier jeden in- und auswendig. Er ist der grobe Keil, der ab und zu auf einen groben Klotz gehört, übertreibt es mit seiner ruppigen Art aber auch.

Johanna Egger (26), die Waldbäuerin

ist studierte Agrar-Biologin mit einem starken Sendungsbewusstsein für die Entwicklung einer nachhaltigen Landwirtschaft. Doch gerade, als sie am dringendsten gebraucht wird, verschwindet sie spurlos.

Marcel Svoboda (26)

ist Projektleiter der Wiener Zweigstelle von „InterGen“, ein internationaler Konzern, der genmanipuliertes Saatgut entwickelt und verkauft. Svoboda will in Boden eine Zuchtanstalt für genetisch manipulierte Agrar-Nutzpflanzen errichten.

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